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Thailand: Wie man Waehler gewinnt

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Mittwoch, 29. Januar 2014……

Wie man Waehler gewinnt, ist in Thailand wie auch in anderen Ländern kein großes Geheimnis. Und doch gibt es gravierende Unterschiede. Es geht ganz einfach im Königreich wie auch anderswo auf der Welt nach dem Prinzip „Mit Speck fängt man Mäuse“. So simpel und so einfach oder auch so primitiv ist das. Nur wird das in Thailand nicht versteckt, heimlich oder indirekt gemacht. Hier schämt sich niemand, Wähler durch kleine Geschenke oder durch ein paar Geldscheine direkt in die blanke Hand für sich zu gewinnen. Oder sollte man sagen, sie zu bestechen?

Aber es war spannend für mich es selbst mal zu erleben und dabei zu sein, wenn die Massen gefüttert werden und somit indirekt für den Spender dieser guten Sachen erwärmt oder sogar begeistert werden.

Es war im Isaan (man kann es auch Isan schreiben),

am Abend unseres 2. Hochzeits-Fest-Tages, als ich abends gegen 19.30 h noch einen kurzen Gang mit meiner Frau die eher dunkle Dorfstraße entlang machen wollte. Wie meistens war die Luft im Dorf in den kühlen Abendstunden vom Rauch und Qualm diverser Feuer vor den Häusern geschwängert, man müsste eher sagen, unangenehm verschmutzt. Am Ende der Straße war ein Menschenauflauf um den kleinen kommunalen Laden herum. Ich fragte meine Frau, was denn da los sein könnte? Sie meinte, da würde etwas verteilt werden. Das spornte meine Neugier noch mehr an. Was wird dort an wen und von wem verteilt? Ich roch gleich die Lunte, dass es womöglich eine Aktion einer Partei vor der bald stattfindenden Wahl sein könnte.

Und so traf ich auf den Stufen des Ladens und auf dem gegenüberliegenden Grundstück um ein wärmendes Feuer herum an die vierzig oder fünfzig Leute, die geduldig auf die Verteilung warteten.

01-2014-01-13 126 Hier warten einige Bewohner um ein wärmendes Feuer herum geschart auf die          Verteilung. Gebannt blicken sie der Menge mit Pickup vor dem Laden.

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Vor dem kommunalen Laden, ein noch neuer und für die Verhältnisse in den Dörfern im Isaan ein blitzsauberer und moderner Laden, mit wenigen Gütern des täglichen Bedarfs und vor allem mit Kühlregalen für Getränke. Der Laden ist aber fast immer leer, ich habe noch nie (!) jemanden gesehen, der dort einkauft. Es gibt noch zwei kleinere, keineswegs so aufgeräumte und saubere Lädchen, die aber ihre Kundschaft finden.

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Und hier sind die Objekte der Begierde endlich eingetroffen. Ein Pickup voll mit ….? Ja, nicht mit Heizdecken, aber mit Wolldecken, die vermutlich aus Kunststofffasern sind. Hier werden die Schnüre um die Pakete geöffnet, für die Verteilung danach.

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                                                         Gleich geht es los.                                                                              Die beiden Aktivisten studieren noch einmal die Einwohnerliste.

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Am Straßenrand gegenüber des Versammlungsortes ein Plakat der Partei, die hier die „Speisung der Zehntausend“ betreibt. Es ist die Partei der Roten von Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra, der Pheu-Thai-Partei, PTP, wie sie jetzt heißt. Ich habe im Süd-Isaan bei Surin nur Plakate dieser Partei gesehen, immer mit dem Foto Yinglucks oben links und einem größeren Foto des örtlichen Parlamentskandidaten. Alle Kandidaten tragen immer diese mir etwas übertrieben und bei manchen Kandidaten auch lächerlich erscheinenden weißen „Paradeuniform“. Mein Großvater hätte sich sicherlich so eine gewünscht – für den Aufmarsch der Schützen beim Gildefest in Wildeshausen.
14-2014-01-13 158Und hier werden die Decken gegen die Kühle im Isaan verteilt. Ein Helfer überreicht der Bewohnerin im Kopftuch ein Exemplar. Einer der Bewohner spricht leidlich Englisch und ich habe mir die Sache, so weit sprachlich möglich, erklären lassen. Jedes Haus bekommt eine Decke, egal wie viele Menschen dort wohnen.
07-2014-01-13 138Für den Fotografen wird die Aktion anfangs langsam und zum Mitfotografieren durchgeführt. Es geht äußerst diszipliniert dabei zu. Einer der beiden Aktivisten ruft die Namen auf, eine Frau holt eine Decke vom Wagen, übergibt sie dem Mann in blau, der wiederum die Decke an den Empfänger oder die Empfängerin übergibt. Jeder wartet geduldig, bis man aufgerufen wird. Manchmal darf auch eine Person die Decken für nicht anwesende Nachbarn mitnehmen.

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Diese Leute haben schon ihre Decke erhalten und schaue sich das Spektakel noch bis zum Ende an.

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                                        Auch er hat eine Decke abbekommen und freut sich.

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Aber dieser Mann wartet noch, wird aber gleich dran kommen. Der Kopfschmuck hilft sowohl gegen die Kälte und auch die Sonne. Das mag Europäern zwar merkwürdig vorkommen, aber die Thais hier verhüllen tagsüber ihre Köpfe mit Hüten und Mützen mit schulterlangen Lappen für Nacken und Schultern dran fast bis zur Unkenntlichkeit und scheinen darin nicht sonderlich zu schwitzen.

09-2014-01-13 145Diese Mädchen warten noch gespannt, wann sie an der Reihe sind.

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Und nachdem alle Dorfbewohner der Liste ihre Decke erhalten haben, geht man oder fährt man wie diese Familie hier auf dem Pickup zurück nach Hause. Und schon eingehüllt in die gerade neu erhaltene Decke.

 

Mir sind noch zwei Punkte wichtig. Erstens, wo hat die Partei die Liste aller Einwohner her? Das wäre in Deutschland ein Datenskandal, aber wir sind hier in Thailand. Der Mann oben in den Fotos stehend mit Brille und manchmal mit einer Liste in der Hand war mir bis zum Tag dieser Verteilungsaktion nicht bekannt. Am nächsten Tag, bei der Rückgabe der bei unserer Hochzeit geliehenen Zelte traf ich ihn wieder. Es dürfte der wohlhabendste Mann im Dorf sein, vor dem riesigen Haus mit Nebengebäuden stehen einige Klein-Lkws, Traktoren und landwirtschaftliche Geräte, die selbst genutzt werden auf den nicht wenigen Ackerbau, also Reislandflächen oder die gegen Gebühr ausgeliehen werden.

Und dieser Mann ist in dern örtlichen Gremien vertreten und dürfte ein leichtes sein, in Thailand an so eine Liste zu kommen. Womöglich ist es sogar legal hier. Ansonsten gibt es immer Wege und sei es dass mit ein paar Scheinen nachgeholfen wird.

Hier zählen kaum Argumente, sondern Herkunft, Zugehörigkeit, Gefühle und ein daraus resultierendes Feind- und Freundschaftsbild

Zweitens, ich habe es eingangs schon gesagt, diese Art der Wahlwerbung ist keine thailändische Spezialität und es sind auch keineswegs nur die Roten, die so arbeiten. Ob die Verteilung von Decken durch die Gelben im Isaan Wähler überzeugen würde, nicht die Roten, sondern eben deren Gegner zu wählen, weiß ich nicht. Ich habe aber Zweifel ob das funktioniert und ich weiß auch nicht, ob die Gelben ähnlich Aktionen wagen würden im Isaan durchzuführen. Ich fürchte sogar, dass sie bei solchen Vorhaben um ihr Leben oder zumindest um ihre Gesundheit fürchten müssten.

Eine demokratische Gesinnung wird man nur bei wenigen Thais hier erwarten dürfen. Demokratisch in dem Sinne, dass man die Meinung anderer akzeptieren oder zumindest stehen lassen kann. Die meisten Menschen hier werden nicht einmal wissen, was das denn sein könnte, ein demokratische Gesinnung. Wer hier als Gegner ausgemacht wird, der wird ist auch zum Feind, der bekommt das mit aller Macht zu spüren und der wird mit allen Mitteln bekämpft. Ich weiß von einem Dorfbewohner, dass hier viele Gewehre mit scharfer Munition in den Häusern herum liegen und aufbewahrt werden. Und die werden nicht nur zu Songkhran heraus geholt um damit stark angeheitert wild in der Luft herum zu ballern.

Thailand ist sicherlich in Teilen viel weiter als die umliegenden Nachbarländer entwickelt, nicht nur witschaftlich, sondern vor allem auch an der demokratischen Tradition.gemessen. Aber bevor es ein demokratisches Land mit Bewohnern wird, die verstanden haben, was Demokratie bedeutet, werden noch sehr viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, den Mekong und den Chao Phraya runter gehen.

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Beeindruckend und sehr viel Spaß macht bei alledem aber immer wieder die Fröhlichkeit, gute Laune und die Freundlichkeit, welche die meisten Thais und ganz besonders die Kinder ausstrahlen. Im Herzen sind sie gute Menschen, so wie überall auf der Welt. Und wenn dein Lächeln echt ist und du dich angemessen verhältst, ist ihr Lächeln auch echt und herzlich.


Autor: admin Paul 1

Ich bin Paul. Seit dem Herbst 2013 lebe ich mit meiner Familie in Thailand - erst einmal auf Probe für unbestimmte Zeit. In meinem früheren Leben war ich Industriekaufmann, Student in England, Inhaber eines Schallplattenvertriebs für avantgardistische Rock-Musik, Inhaber einer Partnervermittlung, Lehrer im Knast (Justizvollzugsanstalt) in Bremen und in Düsseldorf, Berufschullehrer in verschiedenen Städten und bin jetzt im vorzeitigen Ruhestand. Und ich weiß aus Erfahrung, dass es mir im warmen Thailand gesundheitlich besser geht, als im oft kalten, dunklen und feuchten Deutschland. Folge mir auf meinem Weg in Süd-Ost-Asien.

2 Kommentare

  1. Moin,
    die Bilder sind scharf, Konturen gut zu erkennen. Belichtung gut, alles ok.
    Dein Text ist ansprechend. Du machst konkrete Aussagen (Thailand ist fortschrittlicher als andere Staaten, demokratie braucht seine Zeit usw.), gerade über Thailand. Ich bekomme so ein Gefühl, wie das Leben, bzw. die Menschen dort sein könnten.
    Mich würde interessieren, was treibt der normale Thailänder so, wovon lebt er und wie, was ist erstrebenswert, oder wonach strebt man…Aber darum ging’s aj nicht indeinem Artikel und ich komme noch nicht zu allem, wie du siehst, wird’s aber langsam stetig besser.
    Die Sache mit WES tut mir sehr Leid für dich. Ich hoffe, du kommst da mit einem blauen Auge raus!!!!!!!
    Gruß an deine Familie

    • Vielen Dank, Tom,

      für deine ausführliche Meinung. Das gefällt mir gut, da ich damit konkret was anfangen kann. Und es ist ja auch vor allem für Leute wie du geschrieben, die noch nie in Thailand waren bzw. die wenig über das normale Leben auf dem Land hier wissen. Und die meisten der Farangs, die regelmäßig in die Urlaubsgebiete reisen, wissen auch nichts oder wenig darüber. Aber das ist sozusagen das echte Thailand und die Bilderbuch-Geschichten von Stränden und Inseln. Aber klar, der schöne Süden gehört auch dazu, ist aber ganz anders als der Nord-Osten aund die Menschen dort. Ist ja enorm, dass du ihn schon kurz nach der Veröffentlichung heute gelesen hast. Zu den anderen Themen demnächst mal mehr, ist hier jetzt schon nach Mitternacht und wir haben morgen früh ein wichtiges Gespräch.

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